In den letzten Wochen bekam ich eine Anfrage eines Journalisten. Da ich konkrete Fragen beantworten konnte, diese Informationen aber als Hintergrund dienten, möchte ich dies nun auch veröffentlichen:

Was sind typische Problemfälle (z.B. Weitergabe von Fotos, Mobbing)?

Typische Problemfälle liegen in der Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche kommunizieren. Über Messenger ist eine privatere und anonymisiertere Kommunikation möglich. Mimik und Gestik, Tonation der Stimme fallen weg. Bei Grenzüberschreitungen (Beleidigung, Bedrohung, Nötigung usw.) können Außenstehende nicht spontan eingreifen und moralische Grenzen aufzeigen. Die beiden Kommunikatoren bleiben unter sich. Sichtbar wird dies nur, wenn sich die geschädigte Person jemanden anvertraut. Es geht also nicht darum, einen „sicheren“ Umgang mit Messengern zu fördern, sondern Kindern und Jugendlichen klar zu machen, dass wir Regeln innerhalb unserer Gesellschaft haben und diese auch digital einzuhalten sind. Wenn Jugendliche die private Kommunikation auch digital fortführen, dann gilt es diese Privatsphäre genau so zu achten. Eine Überwachung durch Eltern kann dabei nicht die Lösung sein. Selbstredend lässt sich nicht leugnen, dass es klare Probleme gibt: Teenager versenden Fotos. Dies stellt nicht das Problem dar, aber die Weitergabe. So kann das NICHT-Beachten der Privatsphäre zu großen Konflikten führen. Im Gruppenchat kann auch Ausschluss Einzelner immer wieder zu tiefgreifenden Verletzungen führen, wenn nicht sogar hierbei Mobbing beginnt. Auch die Weitergabe und Verbreitung vertraulicher Daten ist oder kann ein Problem werden. Was wiederum in der „analogen Welt“ zum Schaden führen kann.

Wie kann eine sinnvolle Prävention aussehen?

Eine sinnvolle Prävention kann nur funktionieren, wenn wir Kommunikations-, Medien- und Sozialkompetenzen fördern. Dabei ist politische Bildung, im Sinne einer positiven Diskussionskultur und Demokratieförderung, immer zu integrieren. Auch Anti-Diskriminierungsarbeit sehe ich als essenziellen Bestandteil. Wir müssen begreifen, dass es nicht um „neue Medien“ geht, sondern um unsere Kommunikationskultur im Allgemeinen. Mobbing gab es schon immer, genauso wie Diskriminierung, Betrug und Diebstahl. Die älteren Generationen haben hierbei genau die gleichen „Lernaufgaben“, wie die heranwachsenden Generationen. Oft vermisse ich den Mut, ehrlich zu sein. Warum reden die Erwachsenen mit ihren Kindern nicht ausführlich über diverse Themen(?): Sexualität, Pornografie, Gewalt, Identitätskrisen Jugendlicher, Sucht, … – Weil oft Scham und Unwissenheit dafür sorgen, dass ein Gespräch erst gar nicht stattfindet. Lehrkräfte und Eltern sagen mir immer wieder, dass sich die Kinder viel besser mit der Technik auskennen würden. Die aktive Auseinandersetzung mit der Thematik, mit dem Nachwuchs, kommt vielen dabei nicht in den Sinn. Als ob eine diffuse Angst besteht, das Kind könnte irgendeinen Wettbewerb gegen die Eltern gewinnen. Das gemeinsame Entdecken, Spielen und über alle Themen offen sprechen hilft wesentlich mehr. Kinder wollen vor allem verstehen, warum sie sich an diese oder jene Regel zu halten haben. Und Kinder haben oft ein großes Verständnis dafür, wenn Fairness und Friedfertigkeit im Mittelpunkt stehen. Ganz praktisch muss es auch eine Abkehr der „Konsumkultur“ geben. Klar ist es entspannend abends Serien und Filme zu schauen, selbstverständlich ist auch Musik hören und Bücher lesen nach wie vor nicht aus unserer Lebenswelt wegzudenken. Aber neben dem kritischem Konsum müssen wir auch eine aktive Mitgestaltung fördern und auch gesamtgesellschaftlich einfordern. Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten mit neuen Medien kreativ zu werden. Von Schreiben und Publizieren, Musikproduktion, Recherche, Diskussion und Filmproduktion ist alles möglich, meist sogar mit kostenlosen Werkzeugen und Programmen. Das muss meiner Meinung nach ausgeschöpft werden: und das nicht nur im Bereich der Bildung, sondern auch insgesamt in unserer Demokratie und in gesamtgesellschaftlichen Bereichen.

Smartphones hat heutzutage jeder, Erstnutzer werden immer jünger. Wie kann ein vernünftiger Einstieg in die Nutzung von Messenger-Apps aussehen?

Der wichtigste Punkt ist die Frage nach der administrativen Kontrolle von Geräten. Solange Eltern den Kindern ein Smartphone finanzieren (Vertrag/Prepaid + Gerät) sollten die Eltern auch die technische „Macht“ über das Gerät haben. Das Alter, ab dem Jugendliche eigenverantwortlich Smartphones inklusive Vertrag/Prepaid-Kosten finanzieren, muss in der Familie individuell besprochen werden. Im Grundschulalter würde ich mit dem Kind jede App-Installation und auch die Kontakte gemeinsam pflegen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen, sodass es mir vielleicht sogar gern zeigt, was es so im Internet entdeckt. Entsprechend sollte mit dem Kind auch über etwaige Inhalte gesprochen werden. Warum ist das YouTubeVideo so lustig? Was denkst du über die Prügelszene in diesem oder jenen Clip? Oft reicht es schon eine Anregung zum kritischen Hinterfragen der Inhalte zu geben. Die Kontrolle von Chats und SMS sehe ich als Vertrauensbruch, da auch Kinder ein Recht auf private Kommunikation haben. Gemeinsames Spielen und gemeinsam kreativ werden muss in diesem Alter aktiv gefördert und umgesetzt werden. Wenn das Kind merkt, dass die Eltern abends vier Stunden fernsehen und selbst nebenbei ständig auf’s Smartphone schauen, dann kann die „Vorbildfunktion“ vergessen werden! „Quality time“ und sich für die Interessen der Kinder interessieren, kann wirklich helfen. Bis zum 6./7. Lebensjahr ist ein unbegleitetes Nutzen von jeglichen digitalen Medien nicht zu empfehlen!
Für die technische Einstellung von Smartphones gibt es die sogenannten „Multi-User“-Funktionen, die nahezu jedes Gerät von Haus aus mitbringt, zudem gibt es Apps und auch die Mobilfunkanbieter machen sich Gedanken und bieten immer bessere Möglichkeiten für Eltern an. Auch hier muss sich das Elternhaus aktiv damit beschäftigen, Zeit investieren und sich selbst befähigen, dies zu pflegen. Dabei ist ein dauerhaftes Besprechen und das Absprechen von Regeln mit dem Kind wichtig. Ohne ein technisches Grundverständnis und mit dem Mut Tabuthemen zuzulassen wird es nicht funktionieren. Wir können uns nicht verweigern und „nur“ nach technischen Lösungen von der Anbieterseite schreien. Generelle Verbote von Smartphones halte ich für nicht zielführend.

Wünschen Sie sich bessere Strukturen, z.B. eine stärkere Medienerziehung für alle Altersgruppen, und wie könnten diese aussehen?

Ich glaube wir könnten zukünftig Bildung und Erziehung als einen Verbund betrachten. Dabei sollten Schulen zur Neugier und zum kritischen Denken anregen. Statt Schulfächer sehe ich langfristig komplexe und miteinander verknüpfte „Lernbereiche“. Der Name ist dabei eigentlich egal. Dementsprechend hätten wir dann vielleicht: Naturwissenschaft und Umwelt, Technik und Handwerk, Sprachen und Kommunikation, Kreativität, Politik und Ethik, Sport und vielleicht noch ein paar mehr. Schulen sollten Lernzentren für alle Generationen sein, Bildung kann außerdem durch Experten und Erzieher/innen unterstützt werden. Die Verzahnung und Komplexität muss sichtbar sein. Die Frage nach dem „Warum lernen wir?“ darf nicht mit „Damit du eine gute Ausbildung und später einen guten Job haben kannst!“ beantwortet werden. Den Sinn von Lernen und Schule begreifen doch heutzutage meist erst Erwachsene. Kinder und Jugendliche brauchen klare Richtlinien, einen spannenden Schulalltag und Partizipation. Wenn Heranwachsende gelernt haben, dass sie gegenüber der Lehrerschaft und Schule keine Macht haben und keine Mitbestimmung möglich ist, dann liegt es doch nahe, dass es nur noch ums „durchkommen“ geht. Desinteresse und Resignation machen sich breit, genau wie in der Erwachsenenwelt! Im Bereich der Lehr- und Lerntheorien gibt es zahlreiche Vorschläge und Praxisbeispiele, die zeigen dass ein anderer Weg möglich wäre. Unter den derzeitigen Bedingungen in staatlichen Schulen sehe ich wenig Potential wirklich etwas zu verändern. Mir hat mal ein Lehrer aus Finnland etwas sehr Interessantes gesagt: „Wir stellen uns nicht hin und erklären den Kindern die Welt! Wir helfen den Schülern selbst die Welt zu entdecken und sie zu befähigen sich diese selbst zu erklären. In manchen Klassen bauen wir erst einmal wochenlang [!!!] Vertrauen auf und fördern den Teamgeist, ehe wir mit dem eigentlichen „Lernen“ starten. Wir sind die Kumpels und Teilzeiteltern der Schüler.“ Wenn die Lehrerschaft und generell die Erwachsenenwelt Ängste überwindet, dann können wir in einem geeigneten Rahmen zukünftige Generationen befähigen „Medien“ auch außerhalb der Konsumebene zu nutzen und Gefahren/Risiken minimieren sich mit zunehmender Kompetenz.

Artikel zu Messengern und was zu beachten ist um sicher zu chatten:
http://www.lvz.de/Nachrichten/Medien/Netzwelt/Sicher-digital-plaudern

Reden wir über’s Neuland!?
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